
In der Odyssee kann man gut nachlesen wie in der antiken Zeit Herrschaft verstanden wurde. In diesem Text geht es um eine Aussage von Athene, die gut die Haltung von Menschen zur Herrschaft zeigt.
In dieser Stelle (S. 116 Reihe 7-15, unten als Text und Bild zu sehen) der Odyssee werden zwei interessante Ebenen der Herrschaft vorgestellt, eine Ebene hat mit den Frauen zu tun und eine mit der patriarchalen Abstammung. In der Quelle spricht Athene, die Göttin der Weisheit, der strategischen Kriegsführung und noch mehr, zu Telemachos. Sie ist eine wichtige und starke Figur in der Antiken Geschichte und Religion.
Diese kräftige Gottheit hat ziemlich viel Einfluss auf die Figuren und die Welt. Zuerst sagt sie zu Telemachos, dass er schnell heimkehren soll. Was aber wichtiger ist, ist was sie danach sagt. Zuerst impliziert sie, dass Frauen oft nicht treu sind, obwohl es in der Odyssee deutlich war, dass Frauen treu waren, z,B. Penelope blieb 20 Jahre lang treu, während Odysseus mit unzähligen Frauen schlief. Athene sagt auch, dass falls Penelope, die Mutter von Telemachos, einen anderen zum Mann nimmt, es sein kann, dass Telemachos’ rechtliche Eigentum nicht mehr sicher wäre, nur weil seine untreue Mutter es ihrem neuen Mann teilen würde.
Was noch interessanter ist, ist was sie über die Abstammung sagt. Athene sagte, dass die Kinder aus früheren Verbindungen nicht mehr viel zählen. Was Athene damit meinte, war damals eine zentrale Ebene der Herrschaft, und zwar, dass die neuen, jüngeren Kinder in einer Familie wichtiger waren als die älteren. Solange Telemachos nicht verheiratet war, zählte er nur als Eigentum seiner Eltern und durfte er nur ein Teil dieser Familie sein. Falls sein Vater Odysseus nicht zeitlich zurück nach Hause kommt und Penelope zwischenzeitlich mit einer anderen Person ein Kind hat, könnte Telemachos und sein Eigentum gefährdet sein.
Diese Ideologie wirkt in unserer heutigen Gesellschaft, zumindest aus meiner west-europäischen Perspektive, ganz seltsam. Eine Erklärung dafür ist, dass es nicht Athene war, welche diese Aussagen machte, sondern Homer. Natürlich ist diese Geschichte völlig erfunden, aber Homer war die erste Person, welcher diese Geschichte schriftlich erfasste, und es waren seine Wörter, die aus dem Mund von Athene kamen (oder natürlich die Menschen aus einer noch früheren Zeit, die diesen Teil auch erfinden konnten). Aus der heutigen Perspektive ist es schwierig, sich vorzustellen, dass eine starke Frauenfigur so etwas sagen würde.
Auch das ganze System in der damaligen Zeit ist im Vergleich zu heute ganz anders. Heute passiert es (zumindest in unserer nicht-monarchischen westlichen Gesellschaft, soweit ich weiss) nicht, dass die patriarchale Abstammung eine so grosse Rolle spielt, dass man gefährdet sein kann, wenn man einen Halbbruder bekommt. Es passiert natürlich auch nicht mehr, dass ein König auf einer grossen Reise rund um die Welt geht und mit unzähligen fremden Frauen schläft. Die Geschichte bezieht sich auf einer Gesellschaft, die schon vor Jahrtausenden nicht mehr existiert und die heute gar nicht mehr relevant ist. Deswegen wirkt uns die Haltung der Figuren, besonders einer Figur wie Athene, ganz seltsam.
»Telemach, du musst heimkehren!«, sprach sie ihn an. »Deine Mutter wird von ihrem Vater und ihren Brüdern gedrängt, Eurymachos zum Mann zu nehmen. Er war unter allen Freiern der Großzügigste im Überreichen von Brautgeschenken. Gibt deine Mutter dem Drängen nach, könnte es sein, dass sie auch manches aus dem Haus mitnimmt, das eigentlich dir zusteht. Du kennst ja die Haltung von Frauen: Jenen, mit denen sie das Lager teilen, schanzen sie möglichst viel zu – die Kinder aus früheren Verbindungen zählen dann nicht mehr viel. Solange du noch nicht verheiratet bist, solltest du deshalb die Verwaltung deines Hauses am besten einer vertrauenswürdigen Dienerin übertragen…«
- Athene
